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Der Kunde, der keiner mehr ist – und warum das Populisten stärkt

Es lässt sich immer deutlicher ablesen, dass der normale Bürger nicht mehr Kunde ist. Zumindest nicht im eigentlichen Sinne. Er wird noch gezählt, noch erfasst, noch befragt – aber er wird nicht mehr umworben. Umworben werden andere.

Kunde zu sein bedeutete einmal: relevant zu sein. Eine Stimme zu haben, weil man Kaufkraft bündelte. Weil viele Wenige ersetzten. Diese Logik hat sich umgekehrt. Heute ersetzt ein Einzelner viele. Nicht, weil er klüger wäre oder produktiver, sondern weil er überproportional zahlen kann. Der Markt folgt dieser Verschiebung lautlos, aber konsequent.

Man sieht es überall. Wohnungen werden nicht mehr für Menschen gebaut, sondern für Vermögen. Reisen werden nicht mehr organisiert, sondern kuratiert. Medizin wird nicht mehr primär versorgt, sondern priorisiert. Selbst Kultur und Öffentlichkeit verändern ihren Tonfall: weniger Einladung, mehr Exklusivität. Der normale Bürger ist dabei nicht ausgeschlossen – er ist nur nicht mehr gemeint.

Das Bittere daran ist, dass sich kaum jemand offen dazu bekennt. Stattdessen wird beschwichtigt. Man spricht vom „Mittelstand“, von „hart arbeitenden Menschen“, von „den Leuten da draußen“. Doch diese Begriffe wirken zunehmend wie rhetorische Platzhalter. Sie erzeugen Nähe, ohne Einfluss zu gewähren. Wer ständig beschworen wird, wird oft nur noch verwaltet.

Auch die Politik folgt dieser Logik. Sie ist demokratisch legitimiert, aber ökonomisch ausgerichtet. Entscheidungen orientieren sich weniger an Alltagsrealitäten als an Standortfaktoren, Kapitalbewegungen und internationaler Anschlussfähigkeit. Der Bürger bleibt wahlrelevant, aber nicht mehr definitionsmächtig. Er darf reagieren, aber nicht mehr gestalten.

Dabei handelt es sich nicht um ein moralisches Versagen einzelner Akteure. Es ist eine systemische Verschiebung. Ein System, das Effizienz, Skalierung und Rendite priorisiert, wird zwangsläufig dort investieren, wo sich Wirkung konzentriert. Teilhabe in der Breite ist mühsam. Exklusivität ist effizient.

So entsteht eine stille Entwertung. Der normale Bürger wird nicht verachtet, er wird übergangen. Er ist kein Gegner, sondern Hintergrund. Statistisch relevant, emotional adressierbar, strukturell verzichtbar. Seine Bedürfnisse werden nicht ignoriert – sie werden standardisiert.

An diesem Punkt beginnt Populismus.

Nicht mit Lautstärke, nicht mit Parolen, sondern mit einem Gefühl: nicht mehr gemeint zu sein. Nicht adressiert, nicht eingeplant, nicht gebraucht. Wer dieses Gefühl lange genug erlebt, wird empfänglich – nicht für Argumente, sondern für Angebote von Bedeutung.

Populisten versprechen nicht zuerst Lösungen, sondern Relevanz. Sie sagen: Du zählst. Und allein dieser Satz wirkt, selbst wenn alles Weitere fragwürdig ist. Denn wer sich übergangen fühlt, prüft Inhalte weniger streng als Anerkennung.

Populismus ist deshalb weniger Ideologie als Übersetzungsleistung. Er übersetzt strukturelle Entwertung in emotionale Klarheit. Wo Systeme abstrakt werden, wird er konkret. Wo Verantwortung diffus ist, benennt er Schuldige. Wo Teilhabe komplex wäre, bietet er Zugehörigkeit.

Das erklärt auch, warum Fakten so oft wirkungslos bleiben. Sie adressieren Probleme, aber nicht das zugrunde liegende Gefühl der Bedeutungslosigkeit. Wer sich irrelevant fühlt, will nicht belehrt werden. Er will gesehen werden.

In einer Gesellschaft, die sich zunehmend an extremem Vermögen orientiert, verliert die demokratische Mitte ihren emotionalen Halt. Nicht, weil sie ärmer wird – sondern weil sie überflüssiger erscheint. Und Überflüssigkeit ist der gefährlichste Zustand in einer Demokratie.

Das eigentliche Problem ist daher nicht der Populist, sondern die Lücke, die er füllt. Ein System, das Effizienz über Teilhabe stellt, erzeugt zwangsläufig Gegenbewegungen, die Teilhabe versprechen – auch wenn sie sie nicht einlösen können.

Wer Populismus eindämmen will, muss ihn nicht zuerst bekämpfen. Er muss die strukturelle Irrelevanz beenden, aus der er entsteht.

Solange der normale Bürger nicht wieder als Kunde, als Adressat und als Gestalter wahrgenommen wird, bleibt der Ruf nach einfachen Wahrheiten laut.

Nicht aus Dummheit.

Sondern aus dem Wunsch, wieder eine Rolle zu spielen.

Markus Schollmeyer

Jurist, Autor & Host ,Gründer von Veritano Media

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