Eine brennende Schuhmacherwerkstatt in Louisiana und die jahrzehntelange Suche nach den Tätern
Von Markus Schollmeyer
Frank Morris überlebt die Flammen zunächst. Er erreicht Hilfe, kommt ins Krankenhaus und spricht noch mit den Ermittlern. Doch den entscheidenden Hinweis kann er ihnen nicht geben: die Namen der Männer, die seine Werkstatt angezündet haben. Vier Tage später ist er tot. Mehr als sechs Jahrzehnte danach fehlt weiterhin eine abschließende Aufklärung. [1]
Am frühen Morgen des 10. Dezember 1964 zerbricht Glas in Ferriday, einer kleinen Stadt in Louisiana. Morris, ein 51-jähriger schwarzer Schuhmacher, schläft in einem Raum hinter seinem Geschäft. Er steht auf und geht nach vorn. Draußen sind zwei weiße Männer. Einer hält eine Schrotflinte. Der andere verteilt eine brennbare Flüssigkeit. Der Bewaffnete befiehlt Morris, ins Gebäude zurückzugehen. Dann wird das Feuer entzündet. [1]
Die Werkstatt gerät in Brand. Morris schafft es hinaus, doch sein Körper ist schwer verbrannt. Zwei örtliche Polizeibeamte bringen ihn ins Krankenhaus. Dort befragt ihn das FBI mehrfach. Morris kann seine Angreifer beschreiben, aber nicht zuverlässig identifizieren. Am 14. Dezember 1964 stirbt er. [1]
Was bleibt, ist ein Tatablauf, dessen Brutalität kaum eine Erklärung braucht, und eine Täterfrage, auf die bis heute keine gesicherte Antwort vorliegt.
Ein Mann den die Stadt brauchte
In Ferriday war Morris jemand, zu dem Menschen ihre Schuhe brachten, damit sie länger hielten. Stanley Nelson, der später über den Mord recherchierte, beschrieb die Bedeutung dieser Arbeit für die armen Familien der Stadt. Ein neues Paar Schuhe war keine selbstverständliche Anschaffung. Wer das alte reparierte, machte den Alltag ein Stück bezahlbarer. [2]
Dieses Leben verdient einen Platz in der Geschichte. Wer nur die Flammen erzählt, reduziert Morris auf die Art seines Todes. Er hatte ein Geschäft aufgebaut, Kunden bedient und junge Menschen beschäftigt. Die Cold Case Justice Initiative der Syracuse University beschreibt ihn als einen Unternehmer, der Jugendlichen durch Arbeit Orientierung gab. [3]
Dann kamen Männer zu seiner Werkstatt, die mit einer Waffe dafür sorgten, dass er im brennenden Gebäude blieb. Über ihre Namen besteht Unsicherheit. Über das, was sie Morris antaten, besteht sie nicht.
Spuren die keine Aufklärung brachten
Das FBI befragte Beschäftigte, Angehörige, Freunde und Menschen aus der Nachbarschaft. Doch die ersten Ermittlungen führten zu keiner tragfähigen Identifizierung der Täter. Im Mai 1965 wurde die Untersuchung geschlossen. 1967 nahm das FBI den Fall erneut auf. Informationen aus einem anderen Mordverfahren lenkten den Verdacht auf Männer aus dem Ku-Klux-Klan. [4]
Auch Frank DeLaughter, ein örtlicher Deputy Sheriff, geriet unter Verdacht. Er bestritt eine Beteiligung. Die Ermittler konnten die gegen ihn erhobenen Vorwürfe nicht unabhängig bestätigen. Nach mehr als 200 Befragungen und einer Akte von ungefähr 600 Seiten blieb die entscheidende Frage offen. Anfang 1968 wurde die Untersuchung abermals geschlossen. [4]
Die Hinweise auf den Klan machen den Fall zu einem Teil der Geschichte rassistischer Gewalt im amerikanischen Süden. Sie erlauben jedoch keine nachträgliche Verurteilung einzelner Personen durch einen Artikel. Ein Verdacht kann begründet und dennoch unbewiesen sein. Gerade bei einem alten Mordfall ist diese Grenze entscheidend: Wer eine Lücke mit einer überzeugend klingenden Geschichte füllt, hat die Lücke damit noch nicht geschlossen.
Ein Journalist beginnt zu fragen
2007 kündigte das FBI an, ungeklärte Morde aus der Bürgerrechtsära erneut zu untersuchen. Auch der Name Frank Morris stand auf der Liste. Stanley Nelson, inzwischen Redakteur der Lokalzeitung Concordia Sentinel, erfuhr dadurch von dem Verbrechen. Als Kind hatte er in der Nähe gelebt. Trotzdem hatte er bis dahin nichts davon gewusst. [2]
Nelson begann zu recherchieren. Nach seinem ersten Artikel meldete sich Morris’ Enkelin Rosa Williams. Sie hatte jahrzehntelang auf Antworten gewartet. Später berichtete Nelson von Drohungen gegen die Zeitung, gekündigten Abonnements und einem Einbruch in die Redaktion. Innerhalb von vier Jahren veröffentlichte er mehr als 150 Beiträge zum Fall. [2]
Die Familie erhielt Unterstützung von der Syracuse University. Studierende und Professorinnen durchsuchten historische Unterlagen und halfen, neue Informationen zusammenzutragen. Aus der Arbeit am Mord an Morris entstand dort die Cold Case Justice Initiative. [3, 5]
2011 wurde ein weiterer Mann öffentlich mit der Brandstiftung in Verbindung gebracht: Arthur Leonard Spencer. Angehörige behaupteten, er habe seine Beteiligung eingeräumt. Spencer selbst bestritt, an dem Brand oder Morris’ Tod beteiligt gewesen zu sein. Die Universität berichtete damals über die neuen Vorwürfe und die Hoffnung der Familie auf Aufklärung. [3]
Nach all den Jahren war wieder Bewegung in die Geschichte gekommen. Für Angehörige kann schon das viel bedeuten: dass jemand nachfragt, Unterlagen liest und den Namen eines Getöteten wieder ausspricht. Eine neue Spur ist aber noch keine Antwort.
Die Zeit arbeitet gegen die Wahrheit
Bei der erneuten FBI-Untersuchung ab 2007 waren die ursprünglichen Verdächtigen bereits tot. Ermittler befragten noch lebende Zeugen erneut; neue Hinweise gingen ein. Doch auch dieser Anlauf brachte keine abschließende Aufklärung. [4]
Im öffentlich zugänglichen Abschlussvermerk empfiehlt das US-Justizministerium, die Akte zu schließen. Die Täterschaft sei nicht zweifelsfrei festzustellen, die wahrscheinlichsten Verdächtigen seien verstorben. [1]
Darin liegt die Bitterkeit dieses Falls. Ein Mord wird nicht weniger wirklich, weil seine Aufklärung scheitert. Für die Familie verschwindet die Frage nicht mit einer geschlossenen Akte. Gleichzeitig lässt sich verlorene Zeit nicht zurückholen. Ein verstorbener Zeuge kann eine Unklarheit nicht mehr erklären. Ein Verdächtiger kann nicht mehr mit neuen Erkenntnissen konfrontiert werden.
Aus den verfügbaren Unterlagen lässt sich nicht beweisen, dass ein bestimmter Beamter die Täter bewusst geschützt hat. Ebenso wenig lässt sich jede offene Frage mit dem Wort Schweigen erklären. Doch Nelsons Erfahrungen zeigen, dass die Beschäftigung mit dem Mord noch Jahrzehnte später Widerstand auslöste. [2]
Frank Morris’ Geschichte endet deshalb ohne die Befriedigung, die viele Kriminalgeschichten versprechen. Kein abschließendes Geständnis löst alle Widersprüche auf. Kein Urteil benennt die Verantwortlichen. Es bleibt ein Mann, der seine brennende Werkstatt verließ und vier Tage später starb. Und es bleibt die Verpflichtung, genau zu erzählen, was über ihn und seinen Tod bekannt ist, ohne die fehlende Wahrheit zu erfinden.
