Was der Fall Tennessee über die Todesstrafe zeigt
Essay für Veritano · Markus Schollmeyer · 1. Oktober 2026
Ein Staat versucht, einen Menschen zu töten. Der Versuch scheitert. Anschließend wird dieser Mensch in ein Krankenhaus gebracht. Dort soll Medizin bewahren, was zuvor mit einem staatlichen Vollstreckungsauftrag beendet werden sollte. Es ist ein Ablauf, der verstört. Und der mehr offenlegt als eine misslungene Prozedur.
Am 30. September 2026 sollte Christa Pike im US-Bundesstaat Tennessee hingerichtet werden. Nach Darstellung ihrer Verteidiger lebte sie auch nach zwei verabreichten Dosen des Hinrichtungsmittels weiter. Die Gefängnisbehörde bestätigte später ihre Verlegung in eine medizinische Einrichtung. Am folgenden Tag berichteten ihre Anwälte von einem kritischen Zustand. Gouverneur Bill Lee ließ eine Überprüfung anordnen und verschob ihre Hinrichtung sowie die andere noch für dieses Jahr geplante Vollstreckung. [1][2]
Doch bevor von der Frau in der Hinrichtungskammer die Rede ist, muss von der Frau gesprochen werden, deren Leben sie nahm. Colleen Slemmer war 19 Jahre alt, als sie 1995 grausam ermordet wurde. Pike war an der Tat beteiligt und damals 18. 1996 wurde sie zum Tode verurteilt. [3] Hinter diesen knappen Angaben steht ein zerstörtes Leben. Ein Mensch mit einer Zukunft, die ihm gewaltsam genommen wurde. Angehörige, für die dieser Verlust keine Nachricht von gestern ist.
Wer die Todesstrafe kritisiert, darf dieses Opfer nicht zur Randfigur seiner Argumentation machen. Die Tat wird nicht weniger entsetzlich, weil die Täterin später selbst leidet. Ihre Verantwortung verschwindet nicht mit der Kritik an ihrer Bestrafung. Beides muss nebeneinander stehen können: die uneingeschränkte Verurteilung des Mordes und die Ablehnung einer staatlichen Hinrichtung.
Gerade bei grausamen Verbrechen ist das schwer. Die Vorstellung, der Täter könne weiterleben, während das Opfer tot ist, lässt sich kaum ertragen. Der Wunsch nach einer endgültigen Antwort ist verständlich. Wer selbst keinen solchen Verlust erlebt hat, sollte vorsichtig sein, wenn er Angehörigen erklärt, was sie fühlen dürfen. Aus der Nachvollziehbarkeit eines Gefühls folgt aber noch kein Auftrag an den Staat. Seine Aufgabe verlangt eine Entscheidung, die auch unter dem Druck größter Empörung Bestand hat.
Vor dem Hinrichtungsversuch hatte ein Bundesberufungsgericht die Vollstreckung vorläufig gestoppt, um offene Fragen prüfen zu können. Der Supreme Court hob diesen Aufschub auf. Drei Richterinnen widersprachen. Sonia Sotomayor kritisierte, dass Tennessee Pike töten dürfe, bevor die aufgeworfenen Fragen im vorgesehenen Verfahren ausreichend geprüft worden seien. [4]
Man muss keine juristische Einzelheit kennen, um das Problem zu begreifen. Eine Hinrichtung setzt einer möglichen Korrektur eine unüberwindbare Grenze. Was später erkannt, anders bewertet oder aufgeklärt wird, kann den getöteten Menschen nicht zurückbringen. Gerade deshalb müsste jeder noch erforderlichen Prüfung Zeit eingeräumt werden. Ein Vollstreckungstermin kann neu angesetzt werden. Ein Leben kann nicht wiederhergestellt werden.
Nach dem gescheiterten Versuch erklärte die Gefängnisbehörde, sie habe jeden Schritt des rechtmäßigen, festgelegten und von der Generalstaatsanwaltschaft gebilligten Hinrichtungsprotokolls befolgt. Außerdem sehe dieses Protokoll keine zusätzlichen Maßnahmen über die bereits vorgenommenen hinaus vor. [2]
Das ist eine Erklärung über Zuständigkeiten und Abläufe. Eine moralische Antwort ist es nicht. Wenn alle vorgesehenen Schritte eingehalten wurden und das Ergebnis dennoch ein überlebender Mensch ist, der anschließend medizinische Hilfe benötigt, reicht der Hinweis auf korrekte Durchführung nicht aus. Dann muss auch der Auftrag selbst überprüft werden.
Die Giftspritze trägt das Versprechen einer kontrollierten, beinahe klinischen Tötung in sich. Sie lässt die Gewalt weniger sichtbar erscheinen. Keine Gewehrsalve, kein fallendes Beil. Stattdessen eine Liege, ein Zugang, ein Medikament. Die vertrauten Formen medizinischer Versorgung können darüber hinwegtäuschen, welchem Zweck sie hier dienen. In einer Hinrichtungskammer wird ein Mensch behandelt, damit er stirbt.
Der Fall Pike durchbricht diese beruhigende Oberfläche. Er zwingt dazu, hinter dem Wort Vollstreckung wieder einen Körper zu sehen. Einen Menschen, an dem eine tödliche Handlung vorgenommen wird. Die technische Sprache kann diese Wirklichkeit ordnen. Sie kann sie nicht aufheben.
Allerdings wäre die Kritik zu kurz gegriffen, wenn sie sich allein auf das Scheitern richtete. Auch eine rasche, äußerlich unauffällige Hinrichtung bliebe eine geplante staatliche Tötung. Wer nur eine zuverlässigere Methode verlangt, beantwortet die Frage, wie der Staat töten soll. Die entscheidende Frage bleibt, warum er es überhaupt tun darf.
Ich lehne die Todesstrafe ab. Auch für Menschen, deren Taten mich entsetzen. Diese Haltung verlangt weder Nachsicht gegenüber Mord noch eine Verklärung der Täter. Sie verlangt eine Grenze für die Macht des Staates. Er darf Freiheit entziehen und die Gesellschaft durch sichere Haft vor gefährlichen Menschen schützen. Dafür muss er keinen Gefangenen töten, den er bereits unter Kontrolle hat.
Das Argument des möglichen Irrtums wiegt schwer. Aber selbst die zweifelsfrei feststehende Schuld gibt dem Staat für mich keine moralische Erlaubnis zur Hinrichtung. Menschenwürde kann nicht davon abhängen, ob wir einen Menschen noch ertragen. Würde wäre sonst eine Belohnung für akzeptables Verhalten, jederzeit widerrufbar durch die Mehrheit. Gerade an Menschen, die schwerste Schuld auf sich geladen haben, zeigt sich, ob diese Grenze wirklich gilt.
Die Todesstrafe gibt Colleen Slemmer ihr Leben nicht zurück. Sie kann den Verlust ihrer Angehörigen nicht rückgängig machen. Sie fügt ihm eine weitere absichtliche Tötung hinzu, diesmal vorbereitet, angeordnet und ausgeführt durch den Staat. Dass diese Tötung einem Urteil folgt, macht sie rechtlich anders. Die moralische Entscheidung, einen wehrlosen Menschen zu töten, nimmt ihm das Urteil nicht ab.
Deshalb darf die Konsequenz aus Tennessee nicht bloß ein verbessertes Hinrichtungsprotokoll sein. Die Todesstrafe gehört abgeschafft. Ein Staat sollte seine Stärke daran zeigen, dass er auch gegenüber einem verurteilten Mörder Grenzen einhält. Wer das Leben schützen will, muss aufhören, die gezielte Vernichtung eines bereits gefangenen Menschen als Gerechtigkeit auszugeben.
