klipp&klar in eigener Sache

Ich bin nicht nur Rollstuhlfahrer oder Gelähmter


Ableismus beginnt selten mit böser Absicht.
Er beginnt mit Reduktion.

Mit dem Moment, in dem ein Mensch nicht mehr als Person wahrgenommen wird, sondern als Zustand. Als Einschränkung. Als Defizit. Als Abweichung von einer stillschweigenden Norm, die sich selbst nie hinterfragt.

„Rollstuhlfahrer.“
„Gelähmt.“
„Behindert.“

Das sind keine neutralen Beschreibungen. Es sind Etiketten, die Ordnung schaffen sollen. Für die Gesellschaft, nicht für den Menschen, der sie trägt. Sie sagen: Ich habe dich verstanden.
Was sie eigentlich meinen: Ich habe dich einsortiert.

Ableismus funktioniert über Vereinfachung. Ein komplexes Leben wird auf ein sichtbares Merkmal reduziert. Alles andere tritt in den Hintergrund: Biografie, Haltung, Widersprüche, Kompetenz, Humor, Wut, Intelligenz, Schwäche. Übrig bleibt ein Symbol. Und Symbole kann man leichter behandeln als Menschen.

Der Rollstuhl wird zum Hauptsatz.
Der Mensch zur Fußnote.

Dabei ist die Behinderung oft nicht das Problem. Das Problem ist der Umgang mit ihr. Die Erwartung, dass sie alles erklärt. Dass sie alles bestimmt. Dass sie jede Reaktion rechtfertigt: Mitleid, Übervorsicht, Ignoranz oder bewundernde Überhöhung. Auch Bewunderung kann ableistisch sein, wenn sie nicht auf Leistung, sondern auf bloßes Dasein zielt.

„So tapfer.“
„So inspirierend.“
„Trotzdem so positiv.“

Diese Sätze klingen freundlich. Sie sind es nicht. Sie setzen voraus, dass ein Leben mit Einschränkung per Definition minderwertig ist – und dass schon das bloße Weiterleben eine außergewöhnliche Leistung darstellt.und natürlich hat niemand etwas dagegen, wenn er andere inspiried es kommt halt auf den Kontext an.

Ableismus zeigt sich auch dort, wo Menschen glauben, besonders korrekt zu sein. Wenn Sprache wichtiger wird als Haltung. Wenn Unsicherheit zu Distanz führt. Lieber nichts sagen als etwas Falsches. Lieber wegsehen.

Die tiefere Ebene von Ableismus liegt im Denken. In der Idee, dass Wert an Funktionalität gekoppelt ist. An Produktivität. An Selbstständigkeit. Wer langsamer ist, gilt als Last.

Ich bin nicht nur Rollstuhlfahrer.
Ich bin nicht nur gelähmt.

Ich bin auch unbequem, widersprüchlich, anspruchsvoll. Ich habe Meinungen, die nichts mit meiner Behinderung zu tun haben. Ich brauche Hilfe – und Autonomie. Beides gleichzeitig. Wie jeder Mensch.

Ableismus endet nicht durch neue Begriffe. Er endet durch ein anderes Verhältnis zum Menschsein.

Markus Schollmeyer

Jurist, Autor & Host ,Gründer von Veritano Media

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