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klipp&klar Gesellschaft

Warum sich Deutschland mit Barrierefreiheit und Teilhabe so schwer tut!

Eine Einschätzung basierend auf realen Erfahrungen

In Deutschland steht alles unter einer Bedingung.
Anerkennung. Respekt. Zugehörigkeit.
Nichts gilt einfach so.

Besonders nicht für Menschen, die von der Norm abweichen.

Wer behindert ist, wird nicht zuerst als Person wahrgenommen, sondern als Abweichung.
Als etwas, das erklärt werden muss.
Eingeordnet.
Bewertet.

Nicht offen feindlich.
Nicht laut.
Sondern korrekt.
Höflich.
Strukturiert.

Die Behinderung überlagert alles andere: Haltung, Kompetenz, Persönlichkeit.
Sie wird zur Hauptsache.
Alles Weitere ist Beiwerk.

Und wenn diese Reduktion nicht funktioniert –
wenn jemand sich nicht klein machen lässt,
wenn er selbstbewusst auftritt, zufrieden wirkt, stark ist –
dann greift das nächste Mittel: Mitleid.

Mitleid ist die akzeptierte Ersatzhandlung.
Es stellt die Ordnung wieder her.
Es schafft Distanz, ohne offen abzulehnen.
Es erlaubt Nähe, ohne Gleichwertigkeit.

Mitleid sagt:
Du darfst da sein –
aber nicht auf Augenhöhe.

In dieser Logik ist Zufriedenheit eine Provokation.
Selbstbewusstsein eine Grenzüberschreitung.
Stärke ein Fehler im System.

Denn vorgesehen ist etwas anderes:
Dankbarkeit.
Demut.
Anpassung.

Wer behindert ist, soll zeigen, dass er das Privileg seiner Existenz verstanden hat.
Er soll nicht fordern, sondern annehmen.
Nicht stehen, sondern unten bleiben.

Abweichung ist in Deutschland nicht grundsätzlich verboten.
Aber sie ist konditioniert.

Du darfst abweichen,
wenn du leise bist.
Wenn du erklärst.
Wenn du dich entschuldigst.
Wenn du kompensierst.

Oder wenn du übererfüllst.

Deshalb funktionieren die Paralympics so gut im öffentlichen Bild.
Sie liefern eine klare Erzählung: Leistung gegen Anerkennung.
Übererfüllung gegen Respekt.

Aber was ist mit denen, die einfach leben?
Ohne Medaille.
Ohne Vorbildfunktion.
Ohne Heldengeschichte?

Für sie ist keine Rolle vorgesehen.

Trotzdem gut richtet sich genau gegen diese Logik.
Nicht gegen die Realität.
Nicht gegen die Behinderung.

Sondern gegen die Erwartungen der anderen.

„Trotzdem“ meint nicht: trotz Einschränkung.
Es meint: trotz eurer Vorstellungen.
Trotz eurer Bedingungen.
Trotz eures Bedürfnisses nach Einordnung.

Trotzdem gut ist kein Trost.
Kein positives Denken.
Keine Anpassung.

Es ist Aufbegehren.

Still.
Unaufgeregt.
Standhaft.

Es sagt:
Meine Würde steht nicht unter Vorbehalt.
Meine Zufriedenheit ist keine Anmaßung.
Meine Stärke ist kein Fehler.

Ich erfülle eure Bedingungen nicht.
Und ich verhandle nicht darüber.

Trotzdem gut ist die Weigerung, sich reduzieren zu lassen.
Die Ablehnung von Mitleid als Ersatz für Respekt.
Der Anspruch auf Augenhöhe – ohne Beweislast.

Nicht geduldet zu sein,
und trotzdem da zu sein.
Nicht vorgesehen zu sein,
und trotzdem zu stehen.

In einer Gesellschaft, die alles konditioniert,
ist das kein persönliches Statement.

Es ist eine Haltung.

Trotzdem gut.

Markus Schollmeyer

Jurist, Autor & Host ,Gründer von Veritano Media

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